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Scheinfasten: ein Erfahrungsbericht – und was dein Körper dabei wirklich tut

Ich gebe es zu: 

Klassisches Heilfasten ist nichts für mich. Ich habe es zweimal versucht und bin beide Male arg an meine Grenzen gestoßen: Kreislaufprobleme, Erschöpfung, Fastendepression... Nicht weil ich zu wenig Disziplin hatte, sondern weil diese Form des Fastens schlicht nicht zu meinem Körper passt. Und so geht es vermutlich vielen Menschen.

 

Dann habe ich Scheinfasten ausprobiert. Und das war ein ganz anderes Erlebnis.

 

Ich habe es inzwischen dreimal gemacht und mir war schnell klar: Das ist eine Form des Fastens, die ich langfristig in meinen Alltag integrieren kann und möchte.

 

In diesem Beitrag teile ich, was Scheinfasten ist, was im Körper dabei passiert, was ich persönlich erlebt habe – und warum das Ganze auch aus wissenschaftlicher Sicht spannend ist.

 

Was ist Scheinfasten eigentlich?

Scheinfasten – im Englischen auch 'Fasting Mimicking Diet' (FMD) – wurde vom Longevity-Forscher Valter Longo entwickelt. Die Idee dahinter: Der Körper soll die positiven Effekte des Fastens erleben, ohne komplett auf Essen zu verzichten.

 

Konkret bedeutet das: Über fünf Tage reduzierst du deine Kalorienzufuhr auf maximal 800 Kilokalorien pro Tag – ungefähr ein Drittel des normalen Bedarfs. Gegessen wird dabei sehr gezielt: zum Beispiel Blattgemüse, Brokkoli, Blumenkohl, Pilze und Beeren. Kohlenhydratreiche Gemüse- und Obstsorten wie Kartoffeln, Bananen oder Karotten kommen kaum oder nur in kleinen Mengen auf den Teller. Ausgewählte Fette wie Nüsse, Öle und Kokosmilch gehören für die Sättigung auch dazu. Was wegfällt: alle tierischen Produkte wie Fleisch, Käse und Milch, stärkereiche Lebensmittel wie Brot, Nudeln und Reis, Zucker sowie stark verarbeitete Lebensmittel.

 

Der hohe Ballaststoffanteil durch das viele Gemüse sorgt dafür, dass das Sättigungsgefühl trotz der reduzierten Kalorienmenge länger anhält – das ist einer der Gründe, warum Scheinfasten für viele so viel besser funktioniert als klassisches Wasserfasten.

 

Was passiert im Körper – Autophagie und Zellregeneration

Hier wird es wissenschaftlich spannend – und das ist der Grund, warum ich Scheinfasten als einen gezielten Impuls für die Gesundheit betrachte.

 

Autophagie: Die Selbstreinigung der Zellen

Wenn der Körper weniger Nahrung von außen bekommt, schaltet er in einen besonderen Modus: Er beginnt, alte, beschädigte oder nicht mehr benötigte Zellbestandteile abzubauen und wiederzuverwerten. Dieser Prozess heißt Autophagie – abgeleitet vom griechischen autophagos = sich selbst fressend.

 

Autophagie ist keine Randerscheinung. Sie gilt als einer der zentralen Mechanismen für Zellgesundheit, Immunfunktion und die Reduktion von Entzündungsprozessen im Körper.

 

Was passiert dabei genau? Die Zellen räumen auf: Abgestorbenes Material, fehlerhafte Proteine, geschädigte Zellbestandteile – all das wird erkannt, abgebaut und als Rohstoff wiederverwendet. Das Ergebnis: gesündere Zellen, weniger zellulärer Abfall, eine Art innere Erneuerung. Manche Experten halten diesen Prozess für einen Schlüssel zu einem langen, fitten Leben.

 

Longevity: Warum Fasten in der Langlebigkeitsforschung eine Rolle spielt

Valter Longo, der Entwickler des Scheinfastens, ist Professor für Gerontologie und einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Langlebigkeit. Er hat in seinen Studien gezeigt, dass regelmäßige Phasen reduzierter Kalorienaufnahme – wie beim Scheinfasten – messbare Effekte auf Entzündungsmarker, Blutzucker, IGF-1 (ein Wachstumshormon, das in hohen Mengen mit erhöhtem Krebsrisiko assoziiert wird) und die allgemeine Zellerneuerung haben.

 

Das klingt zunächst nach Forschung für Langlebigkeitsenthusiasten. Aber der Bezug zum Alltag ist konkreter: Wir leben in einer Zeit, in der Essen rund um die Uhr verfügbar ist – ein in der Menschheitsgeschichte absolut ungewöhnlicher Zustand. Unser Körper ist evolutionär nicht darauf ausgelegt, dauerhaft im Überfluss zu leben und das zeigt sich an den vielen Zivilisationskrankheiten. Werden Zellen permament gefüttert, beschleunigt das ihren Alterungsprozess. Perioden der Nahrungsknappheit haben unsere Biologie über Jahrtausende geprägt. Fasten – in welcher Form auch immer – ist kein modischer Gesundheitstrend. Es ist eine Rückkehr zu etwas, das unser Organismus kennt (und vielleicht auch braucht?).

 

Das bedeutet nicht, dass jede Form des Fastens für jeden Menschen sinnvoll ist. Aber es erklärt, warum sich viele nach einer Fastenperiode klarer, leichter und ruhiger fühlen. Es zeugt auch davon, dass wir Selbstkontrolle haben. Das ist auch mal wieder ein schönes Gefühl, dass wir nicht nur unseren Trieben ausgeliefert sind, sondern auch verzichten können. Nicht umsonst ist Fasten in allen Weltregionen eine wichtige Disziplin.

 

Meine persönliche Erfahrung – beim dritten Mal wird es leichter

Mein drittes Scheinfasten war das beste. Und das sage ich nicht, um dich zu motivieren – sondern weil es einfach stimmt.

 

Beim ersten Mal war der Hunger noch deutlich spürbar. Beim zweiten Mal schon weniger. Beim dritten Mal habe ich gemerkt: Mein Körper kennt das inzwischen. Er weiß, was kommt. Er kommt schneller in den Fasten-Modus.

 

Was ich in der Fastenwoche bemerkt habe:

  • Ich war ein bisschen müder als sonst. Das habe ich aber nicht als Problem erlebt, sondern als Impuls zur Entschleunigung: Ruhiger werden. Nicht alles in diese Woche packen, was ich normalerweise so reinlege.

  • Ich habe mich körperlich trotzdem fit gefühlt: Kein Kreislaufzusammenbruch, keine extreme Erschöpfung, leichte Bewegung war gut möglich.

  • Ich habe meinen normalen Alltag weitergeführt. Keine Auszeiten, keine Sonderregelungen. Ich habe einfach die Woche ein bisschen ruhiger gestaltet – das war alles, was nötig war.

  • Und: Nach der Fastenwoche habe ich mich wieder richtig auf ein Brötchen mit Käse gefreut :-D Ich weiß, das klingt simpel. Aber dieses Gefühl etwas wieder wirklich zu genießen, anstatt es einfach nebenbei zu essen, ist ein Effekt, den ich jedes Mal wieder toll finde. 

 

Wie du Scheinfasten im Alltag umsetzen kannst

Ehrlicherweise braucht Scheinfasten ein bisschen Vorbereitung. Frische, nährstoffdichte Mahlzeiten müssen gekocht werden – und das geht nicht ganz ohne Planung.

 

Was mir sehr geholfen hat:

  • Ein Plan vorab: Ich suche mir fünf Rezepte für die Woche heraus.

  • Doppelte Portionen kochen. Eine esse ich direkt, die zweite am nächsten Tag. So habe ich jeden zweiten Tag schon eine fertige Mahlzeit.

  • Ein leicht zuzubereitendes Frühstück, das sich am Abend vorher vorbereiten lässt. Morgens ist es dann quasi schon fertig.

  • Tiefkühlgemüse nutzen. Es ist bereits geputzt, oft nährstoffdichter als Supermarktgemüse (das oft schon tagelang in den Regalen liegt) und spart Zeit.

  • Den Einkauf vor der Scheinfasten-Woche erledigen, so dass du nicht in Versuchung geführt wirst.

 

Was Kalorien angeht: Das ist sonst nicht so mein Thema – beim Scheinfasten aber ein Muss. 800 Kilokalorien pro Tag ist die Grenze, die den Körper in den Fastenmodus bringt. Nicht 600, nicht 1.200. Es lohnt sich, das im Blick zu behalten, um die positiven Effekte zu erzielen.

 

Für wen ist Scheinfasten sinnvoll – und für wen nicht?

Scheinfasten ist kein Programm, das für alle passt. Das möchte ich klar sagen.

 

Valter Longo empfiehlt es für gesunde Erwachsene, die es zwei- bis dreimal jährlich durchführen können, nicht als Dauerdiät, sondern als gezielten Impuls.

 

Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende, Menschen mit Essstörungen und Schwerkranke sollten nicht die Kalorienzufuhr reduzieren. Ärztliche Rücksprache oder Begleitung empfiehlt sich bei Erkrankungen wie Diabetes, Gicht, Gallenleiden sowie Herz- und Nierenerkrankungen. Auch Personen über 70 Jahre sollten vorab einen Arzt hinzuziehen.

 

Wenn du Heilfasten kennst und weißt, dass es dir nicht gut tut: Hier könnte Scheinfasten ein gangbarer Weg sein. Nicht ganz auf Essen zu verzichten, sondern Mahlzeiten sehr bewusst und kalorienbewusst aufzunehmen, macht einen großen Unterschied, körperlich und mental.

 

Was ich nach drei Runden Scheinfasten sagen kann

Scheinfasten ist für mich eine Form der Selbstfürsorge, die ich inzwischen als festen Bestandteil meines Jahres sehe – weil sie auf mehreren Ebenen wirkt: körperlich, durch die Anregung der Zellregeneration. Mental, durch das bewusste Innehalten und Entschleunigen. Und ganz praktisch, durch das Wiederfinden von echtem Hunger, echtem Genuss.

 

 

 

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